„Zur Sprache bringen“ Barbara Davids zum pädagogischen Hintergrund des Projekts

Immigranten, Muslime, Hauptschüler – vielleicht muss ich zu diesen groben Kategorien greifen, um verständlich zu machen, „woher“ diese Gedichte zu uns sprechen. Die Jugendlichen selbst wird man damit kaum zu fassen kriegen – wohl aber ihre vielfache Ausgrenzung, den Platz, den ihnen unsere Gesellschaft zuweist. Die Kluft zwischen diesen gesellschaftlichen Zuweisungen und den Jugendlichen selbst ist enorm. Sie erklärt, wie eine  Schreibwerkstatt  mit   SchülerInnen  zu   solch   einem  Ergebnis  führen  konnte. Diese Jugendlichen haben einen dringenden Redebedarf – wenn man sie nur zu Wort kommen lässt.

 

Meine Filmgruppe reagierte begeistert auf „Der Panther“ in der Vertonung des „Rilke- Projekts.“ Aber weniger wegen der schönen Sprache. Was sie faszinierte und berührte war die „Wahrheit des Gedichts,“ wie eine Teilnehmerin es ausdrückte.

 

Über Wochen schrieben sie mit großer Ernsthaftigkeit und Konzentration drauflos, lasen sich   gegenseitig  vor  und   sprachen  darüber.   Ihre   biografischen   Gemeinsamkeiten machten die Schreibwerkstatt zu einer intensiven Auseinandersetzung mit Heimat, Identität und Werten. Prägende, teilweise traumatische Erlebnisse wurden erinnert und artikuliert, einige trugen die Gespräche aus der Gruppe in ihre Familien hinein, befragten die Eltern nach ihrer Vergangenheit.

 

Aus den langen Texten, die dabei entstanden, extrahierten wir die wichtigsten Sätze und Motive und experimentierten mit der Gliederung in Verse und Strophen, um dieser Quintessenz eine lyrische Form zu geben.

 

Die Aufnahmen im Tonstudio waren sehr intensiv und emotional. Viele Teilnehmer kostete es große Überwindung und viel gegenseitige Unterstützung, diese intime Seite von sich einem Mikrophon preis zu geben. Einzelne Schlüsselsätze brauchten Stunden, bis sie verständlich über die Lippen kamen. Aber allen war es wichtig, es möglichst gut zu machen, es möglichst klar und deutlich zu Gehör zu bringen.

 

Das Ergebnis sind elf sehr persönliche Gedichte, in denen die Dringlichkeit ihres Entstehungsprozesses deutlich spürbar ist. Die Schreibwerkstatt bot einen Rahmen, der es den Jugendlichen ermöglichte, Dinge im wahrsten Sinne „zur Sprache zu bringen“, die mit Schweigen belegt waren.

 

Einen Dialog in Gang zu setzen. Sowohl nach „innen“, in die Familien der Jugendlichen, in denen durch das Projekt Gespräche angestoßen wurden – als auch nach „außen“, in eine interessierte Öffentlichkeit, die allen Grund hat zu hinterfragen, was sich hinter den groben Kategorien wie „Hauptschüler“, „Immigrant“ und „Muslim“ eigentlich verbirgt.

 

Es lohnt sich, diesen Jugendlichen zuzuhören.


 


THE STORY BEHIND

Sie sind Hauptschüler, Immigranten und muslimischen Glaubens.

Sie haben Gedichte geschrieben, die ihnen direkt aus der Seele sprechen.

Von Heimat, Krieg und Flucht, von Familie, Glaube und Hoffnung.

Von dem oft schmerzhaften Spagat zwischen den traditionellen Werten der Eltern und der Realität, die sie in Deutschland umgibt.

 

Es entstand die CD "Weit vom Auge - weit vom Herz".

Das Projekt wurde bei "Kinder zum Olymp", Kulturstiftung der Länder, mit dem ersten Preis der Sparte "Literatur" ausgezeichnet.

 

 

Dann ging es weiter!

Die Jugendlichen brachten zusammen mit Juvenile Maze Hip,Hop-Company von DanceEmotion, ihre Gedichte auf die Bühne.

29 Jugendliche aus: dem Libanon, der Türkei, Serbien, dem Kosovo, Bosnien, Deutschland, den Philippinen, Vietnam, Pakistan, Iran, Rumänien und Russland tanzten für Sie.

 

Fotos: Katharina Davids